Zwischen Interdependenz und Fragmentierung
Geoökonomie des globalen Finanzsystems
Seit rund einem Jahrzehnt verschiebt sich das Verhältnis von Wirtschaft und Sicherheit. Finanzbeziehungen sind nicht länger bloß Kanäle für Kapital, sondern zunehmend Hebel staatlicher Machtausübung. Zahlungsverkehr, Clearing, Indexierung und Kapitalaufnahme werden zu politischen Arenen, in denen neue Risiken entstehen, Konflikte ausgetragen und Alternativen entwickelt werden.
Am 22. September 2022 mussten mehrere Wall-Street-CEOs im US-Kongress Rede und Antwort stehen: Warum halten sie an ihren China-Geschäften fest? Wieso helfen sie dem chinesischen Staat? Welche Risiken tragen amerikanische Anleger:innen? Die Szene steht sinnbildlich für einen breiteren Wandel. Unter politischem Druck nahmen Indexanbieter chinesische Titel aus ihren Leitindizes, mehrere große Pensionsfonds zogen ihre Investitionen aus dem chinesischen Kapitalmarkt zurück, und Venture-Capital-Firmen wie Sequoia teilten ihre amerikanischen und chinesischen Geschäftsbereiche in einzelne Firmen auf (Petry 2025). Dies sind Symptome eines tieferen Strukturwandels: Finanzbeziehungen organisieren nicht mehr nur Wohlstand, sondern werden zunehmend zu Instrumenten staatlicher Machtausübung.
Indikatoren der Geoökonomisierung
Der Makrokontext globaler Finanzbeziehungen hat sich grundlegend verändert. Vorbei sind die Zeiten neoliberaler Globalisierung, in denen Finanzmärkte als apolitisch galten und Banker die unangefochtenen „Masters of the Universe“ waren. Wir erleben stattdessen eine Geoökonomisierung globaler Finanzbeziehungen, eine „Vermischung der Logik des Konflikts mit den Mitteln des Handels“ (Luttwak 1990). Mit der Geoökonomisierung der Finanzbeziehungen ist genau diese Entwicklung gemeint: Politische Logiken greifen in Finanzbeziehungen ein, Finanzinfrastrukturen werden als Hebel eingesetzt, und Finanzmarktverflechtungen selbst werden zum Gegenstand strategischer Gestaltung.
Erstens rückt die Politisierung von Finanzbeziehungen die konkrete Transaktion ins Zentrum: Wer darf wen finanzieren, worin darf investiert werden, welche Akteure erhalten Zulassungen – und wer verliert sie wieder? Sanktionen, Investitions- und Exportkontrollen sowie Auflagen bei Fusionen, Übernahmen und Börsennotierungen sind die vermehrt eingesetzten Instrumente. Zwischen 2019 und 2024 hat die US-Regierung etwa mehr als 1.000 chinesische Unternehmen auf „schwarze Listen“ gesetzt; insgesamt sind es inzwischen über 1.400. Eine Listung genügt, und Banken kappen Korrespondenzbeziehungen, Fonds passen Mandate an, Börsen drängen auf Delistings. Damit greifen Staaten unmittelbar in die Kapitalallokation ein.
Zweitens werden finanzielle Infrastrukturen vermehrt instrumentalisiert. Hierdurch verlagern sich die Auseinandersetzungen an die Schaltstellen des Finanzmarktes. Es geht nicht um einzelne Deals, sondern um die operativen Systeme, die Transaktionen überhaupt erst ermöglichen:…