Klassiker neu gelesen
Was wird öffentlich, was nicht und warum?
Niklas Luhmann:
Die Realität der Massenmedien.
VS Verlag für Sozialwissenschaften:
Wiesbaden 1995, 151 Seiten.
Die Öffentlichkeit galt lange als Arena rationaler Auseinandersetzung, als deliberativer demokratischer Möglichkeitsraum. Doch digitale Plattformen, algorithmische Sichtbarkeit und die damit einhergehende Pluralisierung von Kommunikationsräumen haben diese Vorstellung ins Wanken gebracht. Öffentlich ist folglich nicht einfach das, was durch demokratische Repräsentation als relevant, kontrovers und diskussionswürdig erachtet wird. Das wirft die Frage auf: Was wird öffentlich, was nicht und warum?
In "Die Realität der Massenmedien" (1995) lieferte Niklas Luhmann erstmals eine grundlegend neue Perspektive auf diese Frage. Öffentlichkeit, so Luhmann, entstehe nicht durch Repräsentation oder Partizipation, sondern durch Beobachtungen zweiter Ordnung: Kommunikation über Kommunikation. Öffentlichkeit entsteht demnach nicht demokratisch, sondern entscheidet sich durch mediale Selektion. Öffentlich ist, was berichtet, geteilt und kommentiert wird – nicht, weil es besonders relevant oder wahr wäre, sondern weil es medial anschlussfähig ist. Die Massenmedien folgen dabei nicht politischen oder normativen Kriterien, sondern ihrer eigenen Aufmerksamkeitslogik: Aktualität, Personalisierung, Dramatisierung. Sie erzeugen Wirklichkeit, indem sie selektieren, nicht, indem sie repräsentieren. Luhmann nennt das Mediensystem daher „autopoietisch“: Es reproduziert sich selbst, unabhängig von anderen Systemen. Zwar kann es Impulse aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft aufnehmen, entscheidend ist aber die interne Anschlussfähigkeit an bestehende Kommunikationsstrukturen.
Grundsätzlich lässt sich das, was Luhmann über die klassischen Massenmedien schrieb, heute fast nahtlos auf soziale Netzwerke und digitale Plattformen übertragen – mit einem entscheidenden Unterschied: Die Selektionslogik ist heute algorithmisch getrieben, automatisiert und massenhaft rückgekoppelt. Likes, Trends und hochskalierende Inhalte machen Beobachtungen zweiter Ordnung allgegenwärtig. Öffentlichkeit entsteht durch Kommunikation über das, was durch massenmediale Kommunikationslogiken exponentiell sichtbar wird. Öffentlichkeit ist also kein deliberativer Raum, sondern ein Resonanzraum der Sichtbarkeit, der zudem in Teilöffentlichkeiten segmentiert ist, die immer wieder ähnliche Inhalte, die bereits den eigenen Präferenzen und Einstellungen entsprechen, in den eigenen Feed einspeisen. In der Folge wird die Auseinandersetzung mit Gegenpositionen systematisch vereitelt und die Tugend, abweichende Meinungen zu tolerieren, weitgehend untergraben. Entsprechend würde Luhmann diese Entwicklungen vermutlich als logische Konsequenz seiner Ideen begreifen.
Luhmann liefert kein Rezept für gute Öffentlichkeit. Aber er hilft, die Funktionsweise heutiger Öffentlichkeiten strukturell zu…