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Der Autor

Prof. Dr. Daniel Mertens lehrt Internationale Politische Ökonomie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück.

Der Autor

Prof. Dr. Kai Koddenbrock lehrt Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie an der Universität Bielefeld.

Bewaffneter Wohlstand?

Deutschland in der neuen Geoökonomie

Die Blockkonfrontation zwischen den USA und China und der Krieg in der Ukraine verändern Deutschlands Rolle in der Weltwirtschaft grundlegend. Doch inmitten des neuen Protektionismus braucht es mehr als Aufrüstung, um industrielle Abhängigkeiten und sicherheitspolitische Verantwortung auszutarieren. Eine Analyse zu den Herausforderungen und Handlungsoptionen in der neuen Geoökonomie.


Am Umgang mit Aussagen, die vor nicht allzu langer Zeit noch Aufruhr oder Widerspruch provozierten, nun aber selbstverständlich erscheinen, kann man Zeitenwenden erkennen. Früher tabuisiert, erscheinen sie jetzt völlig normal. So stellte im Sommer 2025 der Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft und Tourismus, Christoph Ploß, öffentlich fest: „Unsere Sicherheitspolitik muss neben der klassischen Landesverteidigung auch die Wirtschaftssicherheit und dabei besonders Schifffahrt und die Sicherung der Handelswege mitdenken“. Anlass war eine Studie des Münchner Ifo-Instituts, derzufolge geopolitisch bedingte Störungen bedeutender Seewege, wie im Roten Meer oder der Straße von Malakka, der deutschen Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen könnten (Frankfurter Allgemeine Zeitung 2025). Eine größere Debatte über diesen Zusammenhang von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik blieb aus.

Schließlich war bereits 2024 die Fregatte „Hessen“ im Roten Meer im Einsatz, um die Handelsschifffahrt vor Angriffen der Huthi-Miliz zu schützen. Gut 15 Jahre zuvor, im Frühsommer 2010, sah dies noch anders aus. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler sah sich heftigen Angriffen aus dem gesamten Parteienspektrum ausgesetzt, nachdem er in einem Interview für die Einsicht plädierte, „dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regio­nale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen“ (Deutschlandfunk Kultur 2010). Neun Tage später trat Köhler, nach eigenen Angaben aufgrund des medialen Sturms der Entrüstung, der ihm entgegenschlug, vom Amt des Bundespräsidenten zurück.

In den vergangenen 15 Jahren hat die deutsche politische Kultur offensichtlich eine Veränderung durchlaufen, die, wie wir argumentieren, einerseits einem internationalen Strukturwandel folgt, andererseits aber doch durch ganz spezifische Herausforderungen für die Bundesrepublik geprägt ist. Der globale Trend ist der einer parallelen „Versicherheitlichung der Wirtschaftspolitik“ und einer „Ökonomisierung strategischer Politik“, der Beobachter:innen dazu veranlasst hat, von einer „geoökonomischen Ordnung“ (Roberts u. a. 2019) oder „neuen Weltordnung“ (Babić 2025)…

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