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Die Autorin

Dr. Nadja-Raphaela Baer ist wissenschaftliche Geschäftsführerin der Einstein Research Unit „Coping with Affective Polarization – How Civil Society Fosters Social Cohesion“ an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach ihrer Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Medizinsoziologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin arbeitet die Soziologin heute primär an der Schnittstelle von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Praxis.

Affektive Polarisierung

Wenn politische Differenzen zu emotionaler Distanz werden

Politische Meinungsverschiedenheiten sind kein Defekt demokratischer Gesellschaften, sondern ihr Kern. Problematisch wird es erst, wenn aus inhaltlichen Differenzen emotionale Distanz, Feindbilder und ein ausgeprägtes „Wir-gegen-sie“ werden. Affektive Polarisierung benennt diese emotionale Seite politischer Konflikte. Angetrieben wird sie weniger von unterschiedlichen Positionen als davon, wie diese wahrgenommen, gedeutet und gezielt emotionalisiert werden.

Warum fällt es vielen Menschen zunehmend schwer, mit politisch Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen? Warum lösen bestimmte Themen nicht nur Widerspruch, sondern oft auch Ärger oder sogar Verachtung aus? Solche Dynamiken lassen sich als Ausdruck affektiver Polarisierung verstehen. Sie beschreibt Entwicklungen, bei denen politische Konflikte zunehmend emotional erlebt werden und sich in einer ausgeprägten „Wir-gegen-sie“-Mentalität ausdrücken.


Formen politischer Polarisierung

Polarisierung wird im öffentlichen Diskurs sowie alltagssprachlich häufig als Sammelbegriff für gesellschaftliche Spannungen und politische Gegensätze verwendet. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung wird jedoch zwischen unterschiedlichen Formen unterschieden. Affektive Polarisierung bezeichnet den emotionalen Aspekt politischer Spaltungstendenzen. Gemeinsam mit der ideologischen Polarisierung zählt sie zu den zentralen Formen politischer Polarisierung. Während ideologische Polarisierung Unterschiede in politischen Einstellungen und Positionen beschreibt, bezieht sich affektive Polarisierung auf die Emotionen gegenüber Personen oder Gruppen mit anderen politischen Ansichten. Im Zentrum stehen dabei Sympathie und Verbundenheit gegenüber Gleichgesinnten sowie Ablehnung, Misstrauen oder Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden (vgl. Hutter u. a. 2025).

Beide Formen politischer Polarisierung sind eng miteinander verknüpft, sollten jedoch analytisch unterschieden werden. Politische Meinungsunterschiede gehören zum Kern demokratischer Gesellschaften und sind nicht zwangsläufig problematisch. Im Gegenteil: Demokratische Resilienz zeigt sich auch in der Fähigkeit, politische Meinungsverschiedenheiten auszuhalten und konstruktiv auszuhandeln. Erst wenn politische Gegensätze in ausgeprägter Lagerbildung, emotionaler Distanz und Ablehnung gegenüber Andersdenkenden Ausdruck finden, entsteht eine Dynamik, die das gesellschaftliche Miteinander und demokratische Verständigung erschweren kann.


Woran sich affektive Polarisierung entzündet

Affektive Polarisierung kann entlang unterschiedlicher politischer Bezugspunkte entstehen. Dabei wird zwischen parteibasierter und themenbasierter affektiver Polarisierung unterschieden. Im ersten Fall verläuft emotionale Distanz entlang parteipolitischer Grenzen. Menschen empfinden Sympathie für Anhänger:innen der eigenen Partei und Ablehnung gegenüber Mitgliedern anderer Parteien. Dieses Phänomen wurde zunächst vor allem im Kontext des US-amerikanischen Zweiparteiensystems untersucht, lässt sich jedoch auch auf europäische Mehrparteiensysteme übertragen. So lässt sich parteibasierte affektive Polarisierung auch in Ländern wie Deutschland beobachten. Anders als in den USA verläuft sie hier meist nicht entlang zweier klar abgegrenzter Lager, sondern variiert stärker zwischen einzelnen Parteien. Besonders ausgeprägt scheint sie dort zu sein, wo parteipolitische Gegensätze mit kulturellen Konflikten – etwa zu Migration oder nationaler Identität – zusammenfallen (vgl. Torcal/Harteveld 2025).

Affektive Polarisierung kann sich jedoch auch jenseits parteipolitischer Zugehörigkeiten entfalten und sich an konkreten gesellschaftlichen Streitfragen entzünden – etwa zur Klimapolitik oder zur Unterstützung der Ukraine. Menschen fühlen sich dann Per­sonen mit ähnlichen Ansichten besonders verbunden, während sie Andersdenkenden mit Ablehnung oder Misstrauen begegnen. Solche Themen berühren häufig Fragen von Identität, Zugehörigkeit oder grundlegenden gesellschaftlichen Wertvorstellungen und bieten daher besonderes Potenzial für emotionale Lagerbildung. Gerade in Mehrparteiensystemen hilft die Betrachtung der themenbasierten affektiven Polarisierung dabei zu verstehen, wie sich emotionale Lagerbildung jenseits klassischer Parteigrenzen entwickeln kann.


Affektive Polarisierung als dynamischer, multidimensionaler Prozess

Affektive Polarisierung ist als ein dynamischer Prozess zu verstehen, der sich entlang unterschiedlicher gesellschaftlicher Konfliktlinien entwickeln kann. Ob Klimapolitik oder geopolitische Krisen – an welchen Themen sich affektive Polarisierung entzündet und auf welche Weise sie sich entfaltet, hängt von politischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Menschen ordnen sich seit jeher sozialen und politischen Gruppen zu und entwickeln emotionale Bindungen an diese. Affektive Polarisierung ist daher kein neues gesellschaftliches Phänomen. Allerdings sprechen bisherige Befunde dafür, dass sich die Ausdrucksformen und Konfliktlinien affektiver Polarisierung im Zuge gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen verändern – wie etwa im Kontext der COVID-19-Pandemie zu beobachten war (vgl. Torcal/Harteveld 2025).

Affektive Polarisierung entfaltet sich auf mehreren, ineinandergreifenden Ebenen: auf individueller Ebene, im zwischenmenschlichen Miteinander sowie innerhalb verschiedener Gruppenkontexte – von informellen Gemeinschaften Gleichgesinnter bis hin zu zivilgesellschaftlichen Organisationen (vgl. Hutter u. a. 2025). Auf individueller Ebene beeinflussen psychologische Prozesse, wie Menschen politische Differenzen wahrnehmen, bewerten und auf sie reagieren. Dies zeigt sich unter anderem darin, ob politisch Andersdenkende als legitime Gesprächspartner:innen wahrgenommen werden oder ihnen mit Misstrauen, sozialer Distanz und negativen Gefühlen begegnet wird. Wie empfänglich Menschen für affektive Polarisierungsdynamiken sind, wird mitunter von Persönlichkeitsmerkmalen, sozio-emotionalen Kompetenzen und dem psychischen Wohlbefinden beeinflusst. Außerdem spielen Gruppendynamiken eine zentrale Rolle für die Entstehung affektiver Polarisierung. Von besonderer Bedeutung sind dabei soziale Grenzziehungsprozesse zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“. Politische Meinungsunterschiede werden dann nicht mehr nur als inhaltliche Differenzen wahrgenommen, sondern zunehmend als Ausdruck unterschiedlicher sozialer Gruppen und Lebenswelten. Dies kann emotionale Distanz, Lagerdenken und Ablehnung gegenüber Andersdenkenden begünstigen (vgl. Torcal/Harteveld 2025).

Wie sich psychologische Prozesse und gruppenbezogene Abgrenzungsprozesse konkret auswirken, zeigt sich insbesondere im alltäglichen sozialen Miteinander. In diesen Interaktionen wird fortlaufend ausgehandelt, welche soziale Bedeutung politischen Differenzen zukommt – etwa darin, wie über Andersdenkende gesprochen wird, welche Eigenschaften ihnen zugeschrieben werden und ob sie als legitime Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen werden.


Mehr als Wut: Die emotionale Dynamik affektiver Polarisierung

Emotionen spielen bei affektiver Polarisierung eine zentrale Rolle, weil sich politische Gruppen nicht nur über geteilte Überzeugungen, sondern auch über geteilte Gefühle bilden und voneinander abgrenzen. Die emotionale Dynamik affektiver Polarisierung lässt sich dabei nicht auf einzelne als negativ wahrgenommene Gefühle reduzieren. Zwar gelten Emotionen wie Ärger, Ekel oder Angst häufig als Motoren affektiver Polarisierung, etwa wenn politisch Andersdenkende als bedrohlich wahrgenommen werden und Vertrauen sinkt. Ihre soziale und politische Wirkrichtung ist jedoch nicht eindeutig. Sie tragen nicht nur zur Verschärfung von Konflikten bei, sondern können auch politisches Engagement und kollektives Handeln befördern. Während beispielsweise Ärger das Zuspitzen von Konflikten und moralische Grenzziehungen verstärken kann, kann Angst auch eine aktivierende Funktion übernehmen. Sie kann politische Aufmerksamkeit erhöhen, Menschen zur Wahl mobilisieren oder sich in verstärktem gesellschaftlichem Engagement ausdrücken. Emotionen beeinflussen damit nicht nur die Intensität politischer Konflikte, sondern auch, wie Menschen politische Zugehörigkeit erleben, wem sie vertrauen und ob sie sich politisch engagieren.

Die Rolle von Emotionen erschöpft sich dabei nicht in negativen Gefühlen gegenüber der politischen Gegenseite. Auch positive Emotionen prägen, wie Menschen Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe erleben und emotionale Grenzen zwischen politischen Lagern ziehen. So empfinden etwa Menschen mit starker Parteibindung Freude, Begeisterung oder Stolz, wenn die eigene politische Gruppe an Zustimmung gewinnt oder politisch erfolgreich ist. Solche positiven Emotionen können politisches Engagement mobilisieren und die Identifikation mit der eigenen Gruppe vertiefen. Zugleich können sie politische Lageridentitäten weiter verfestigen – nicht zuletzt, weil positive Emotionen gegenüber der eigenen Seite häufig mit gegensätzlichen Emotionen gegenüber der politischen Gegenseite einhergehen, etwa in Form von Schadenfreude.

Wie ambivalent die Rolle von Emotionen in affektiven Polarisierungsprozessen sein kann, zeigt sich auch am Beispiel der Empathie. Sie gilt häufig als möglicher Ansatz zur Überwindung gesellschaftlicher Spaltung und kann dazu beitragen, emotionale Distanz zwischen Gruppen zu verringern. Im Kontext affektiver Polarisierung hängt Ihre Wirkung jedoch entscheidend davon ab, wem sie gilt: Während Empathie und Perspektivübernahme gegenüber politischen Gegner:innen eher Verständnis fördert und emotionale Distanz abbaut, kann selektive Empathie für die Eigengruppe Polarisierungsdynamiken verstärken (vgl. Bakker/Lelkes 2024).


Was affektive Polarisierung antreibt

Warum manche politische Konflikte emotionale Dis­tanz, Feindbilder und Lagerdenken hervorbringen, lässt sich nicht allein mit unterschiedlichen politischen Positionen erklären. Entscheidend ist vielmehr, wie politische Differenzen wahrgenommen, interpretiert und öffentlich verhandelt werden. Gerade in gesellschaftlichen Krisen- und Umbruchzeiten gewinnen politische Konflikte häufig an emotionaler Bedeutung. Dabei bergen nicht alle politischen Themen das gleiche Potenzial, affektiv polarisierend zu wirken. Vor allem Konflikte, die Fragen von Identität, Zugehörigkeit oder grundlegenden Wertvorstellungen berühren, gehen häufig mit starken Emotionen einher. Ob politische Differenzen zu emotionaler Distanz, Ablehnung und einem ausgeprägten „Wir-gegen-sie“-Denken führen, hängt maßgeblich davon ab, wie solche Konflikte gesellschaftlich gedeutet und politisch mobilisiert werden.

Eine zentrale Rolle kommt dabei politischen und medialen Akteur:innen zu. Diese können als „Polari­sierungsunternehmer:innen“ (Mau u. a. 2023) wirken, indem sie gesellschaftliche Konflikte gezielt zuspitzen, emotionalisieren und für politische Mobilisierung nutzen. Besonders dort, wo politische Debatten Fragen von Identität, Zugehörigkeit oder grundlegenden Wertvorstellungen berühren, können solche Prozesse dazu beitragen, dass politische Unterschiede nicht nur als inhaltliche Gegensätze, sondern zunehmend auch als tiefe Gräben zwischen gesellschaftlichen Gruppen wahrgenommen werden. Am Beispiel der AfD zeigt sich, wie Parteien gesellschaftliche Konflikte emotional aufladen und für politische Mobilisierung nutzen. Sie greift gesellschaftlich umstrittene Themen wie Migration in ihrer Kommunikation besonders prominent auf und rückt sie ins Zentrum aufgeheizter, politischer Auseinandersetzungen. Dadurch werden bestehende gesellschaftliche Konfliktlinien affektiv aufgeladen und politische Gegensätze emotional verstärkt.

Weiterhin spielen auch mediale Repräsentationen gesellschaftlicher Konflikte eine emotionalisierende Rolle. Soziale Medien lassen sich zwar nicht unmittelbar als Ursache affektiver Polarisierung identifizieren. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass sie bestimmte Kommunikationsdynamiken im Polarisierungsprozess verstärken können. Konfliktorientierte, moralisch aufgeladene und emotionalisierende Inhalte erzeugen häufig hohe Aufmerksamkeit und werden dadurch überproportional sichtbar. So kann der Eindruck entstehen, extreme Positionen seien repräsentativ für die jeweilige politische Gegenseite (vgl. Bakker/Lelkes 2024).

Ein wichtiger Mechanismus in diesem Zusammenhang sind Wahrnehmungsverzerrungen. Diese entstehen nicht allein auf individueller Ebene, sondern werden auch durch politische und mediale Kommunikationsstrategien geprägt und verstärkt. Werden gesellschaftliche Konflikte wiederholt als Auseinandersetzungen zwischen klar voneinander abgegrenzten Lagern dargestellt, können sich bestehende Fehleinschätzungen verfestigen. Dadurch wächst die Wahrscheinlichkeit, dass politische Unterschiede als grundlegende Gegensätze wahrgenommen und affektive Polarisierungsdynamiken weiter verstärkt werden.

Wie entstehen emotionale Distanz, gesellschaftliche Spannungen und politische Lagerbildung – und wie lässt sich sozialer Zusammenhalt stärken? Diesen Fragen widmet sich die Einstein Research Unit „Coping with Affective Polarization – How Civil Society Fosters Social Cohesion“. Die Forschungsgruppe untersucht affektive Polarisierung aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven und erforscht, wie sie auf individueller, zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Ebene entsteht, erlebt wird und bewältigt werden kann. Ziel ist es, die Mechanismen affektiver Polarisierung besser zu verstehen und wissenschaftlich fundierte Ansätze für den Umgang mit ihren negativen Folgen zu entwickeln.

Weitere Informationen finden Sie hier: https://affective-polarization.hu-berlin.de/de/home/



Negative Folgen affektiver Polarisierung

Affektive Polarisierung kann weitreichende gesellschaftliche Folgen haben und jene Grundlagen gefährden, die demokratische Gesellschaften zusammenhalten. Demokratisches Zusammenleben beruht nicht allein auf Institutionen und Regeln, sondern auch auf sozialen Ressourcen wie Vertrauen, gegenseitiger Anerkennung und der Fähigkeit, Kompromisse zu finden – kurz: auf sozialem Zusammenhalt. Dieser gerät unter Druck, wenn politische Unterschiede zunehmend mit Misstrauen, Ablehnung und sozialer Distanz verbunden werden. Sachliche Debatten und die gemeinsame Suche nach Lösungen treten dabei zunehmend hinter gruppenbezogene Identitäten und gegenseitige Abgrenzung zurück. Affektiv polarisierte Personen nehmen politische Gegner:innen häufiger als Bedrohung wahr, vertrauen ihnen weniger und sind weniger bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten oder Kompromisse einzugehen. Politische Differenzen werden dadurch zunehmend als Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen erlebt statt als legitime Meinungsunterschiede in einer pluralistischen Demokratie.

Diese Dynamiken beschränken sich nicht auf politische Einstellungen, sondern können sich auch im sozialen Alltag niederschlagen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass stärker affektiv polarisierte Menschen politische Gegner:innen häufiger meiden, Freundschaften und soziale Beziehungen zunehmend entlang politischer Gemeinsamkeiten gestalten, sie bei Einstellungen oder beruflichen Entscheidungen benachteiligen und sich vermehrt in politisch homogenen sozialen Räumen bewegen – digital wie analog. Affektive Polarisierung kann damit zu stärkerer gesellschaftlicher Fragmentierung beitragen. Werden Mitglieder anderer Gruppen nicht mehr als legitime politische Kontrahent:innen wahrgenommen, sondern als grundsätzlich fremd, gefährlich oder moralisch minderwertig betrachtet, sinken beispielsweise Empathie und die Bereitschaft zur Verständigung. Dies kann im Extremfall zu Dehumanisierung führen sowie Hassrede oder politische Gewalt begünstigen.

Die Folgen affektiver Polarisierung reichen dabei über zwischenmenschliche Beziehungen und die Gefahr von Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen hinaus. Sie können auch das Vertrauen in politische Institutionen und demokratische Verfahren schwächen und damit die Fähigkeit demokratischer Systeme beeinträchtigen, gesellschaftliche Konflikte konstruktiv auszuhandeln. Dies gilt insbesondere in gesellschaftlich zunehmend ausdifferenzierten Demokratien wie Deutschland, in denen politische Entscheidungen im Rahmen komplexer Verhandlungs- und Koalitionsprozesse getroffen werden. Werden politisch Andersdenkende zunehmend als Teil eines gegnerischen Lagers wahrgenommen, sinken die Anreize für jene Kompromisse und Formen der Zusammenarbeit, auf die demokratische Entscheidungsprozesse angewiesen sind. Besonders problematisch erscheinen dabei Konstellationen, in denen starke ideologische Gegensätze mit ausgeprägter affektiver Polarisierung zusammentreffen. Diese Überlappung wurde auch als ‚Spaltungszone‘ beschrieben und gilt als besonders konfliktanfällige Form gesellschaftlicher Polarisierung. Affektive Polarisierung untergräbt damit nicht nur zentrale Voraussetzungen gesellschaftlichen Zusammenhalts, sondern kann langfristig auch die Stabilität demokratischer Gesellschaften beeinträchtigen (vgl. Vorländer u. a. 2025).


Sozialer Zusammenhalt braucht Emotionen, Dialog und Konfliktfähigkeit

Da affektive Polarisierung auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen entsteht und sich entfaltet, erfordert auch der Umgang mit ihr einen Ansatz, der individuelle, zwischenmenschliche und gesamtgesellschaftliche Ebenen gleichermaßen berücksichtigt. Diese Ebenen sind eng miteinander verbunden: Individuelle Kompetenzen wie Empathie oder Emotionsregulation prägen soziale Interaktionen, während politische Kommunikation, Medien oder institutionelle Rahmenbedingungen beeinflussen, wie Menschen miteinander in Kontakt treten und gesellschaftliche Konflikte wahrnehmen (vgl. Hutter u. a. 2025).

Auf individueller Ebene richten sich Maßnahmen insbesondere auf psychosoziale Kompetenzen, die einen konstruktiven Umgang mit politischen Differenzen fördern können. Dabei spielen Empathie, Perspektivübernahme und Emotionsregulation eine wichtige Rolle. Sie können dazu beitragen, Wahrnehmungsverzerrungen abzubauen, Verständnis für politisch Andersdenkende zu fördern und emotionale Distanz zu verringern (vgl. Bakker/Lelkes 2024; Angeli 2026). Damit solche Kompetenzen ihre Wirkung entfalten können, braucht es jedoch Gelegenheiten, sie im Umgang mit Andersdenkenden zu erproben und anzuwenden. Ebenso wichtig sind soziale und kommunikative Rahmenbedingungen, die solche Erfahrungen ermöglichen. Begegnungen, die von Offenheit, Respekt und gegenseitiger Anerkennung geprägt sind, können Vorurteile abbauen und gegenseitiges Verständnis fördern. Dialogformate, Begegnungsprojekte oder partizipative Demokratieprozesse schaffen hierfür Räume. Besonders kreative und partizipative Ansätze, etwa Storytelling oder biografische Austauschformate, können dazu beitragen, Erfahrungen aus anderen Lebenswelten erfahrbar zu machen und emotionale Distanz zu verringern.

Schließlich können auch politische Kommunikation, klassische Medien sowie digitale Plattformen dazu beitragen, den negativen Folgen affektiver Polarisierung entgegenzuwirken. Sie prägen maßgeblich, wie politische Konflikte wahrgenommen werden, und können daher nicht nur affektive Polarisierungsdynamiken verstärken, sondern auch zu deren Abschwächung beitragen. So können journalistische Formate z. B. Gemeinsamkeiten zwischen gesellschaftlichen Gruppen hervorheben oder verzerrte Vorstellungen über die politische Gegenseite korrigieren. Eine Berichterstattung, die unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar macht, kann Perspektivübernahme und gegenseitiges Verständnis fördern.

Die skizzierten Ansätze verfolgen das gemeinsame übergeordnete Ziel, sozialen Zusammenhalt zu stärken. Erste Befunde sprechen dafür, dass entsprechende Maßnahmen besonders dann wirksam sind, wenn sie verschiedene gesellschaftliche Ebenen miteinander verbinden. Zugleich besteht weiterhin Forschungsbedarf, um besser zu verstehen, welche Ansätze unter welchen Bedingungen langfristig wirksam sind und wie sie nachhaltig zur Stärkung demokratischer Aushandlungsprozesse beitragen können (vgl. Angeli 2026).

Abschließend lässt sich festhalten: Politische Differenzen und Emotionen sind integrale Bestandteile demokratischer Gesellschaften. Sie können Menschen dazu motivieren, sich politisch zu engagieren, sich zusammenzuschließen und sich für politische Ziele einzusetzen. Die Herausforderung besteht darin, mit politischen Differenzen und den damit verbundenen Emotionen konstruktiv umzugehen. Dafür braucht es Bedingungen, unter denen politische Unterschiede bestehen bleiben können, ohne in soziale Distanz, Feindbilder und wechselseitige Abwertung umzuschlagen. Wie gut dies gelingt, dürfte wesentlich darüber entscheiden, wie konfliktfähig und resilient demokratische Gesellschaften bleiben.



Literatur

Angeli, Oliviero 2026: Affektive Polarisierung verringern. Strategien, Befunde und Grenzen. MIDEM-Policy Paper 2026-1, Dresden.

Bakker, Bert/Lelkes, Yptach 2024: Putting the affect into affective polarization. In: Cognition and Emotion, 38:4, S. 418–436, DOI: 10.1080/02699931.2024.2362366

Hutter, Sven u. a. 2025: Coping with affective polarization: A research program (No. ZZ 2025-602). WZB Discussion Paper.

Mau, Steffen/Lux, Thomas/Westheuser, Linus 2023: ­Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwarts­gesellschaft. Berlin.

Torcal, Mariano/Harteveld, Eelco 2025: Handbook of ­Affective Polarization. Cheltenham.

Vorländer, Hans u. a. 2025: Politische Polarisierung in Deutschland 2025. Polarisierungsbarometer. Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM). Dresden.